05-03-2015, 12:48
Was wir bisher zu wissen glauben - oder:
Marusan - Faller und Brüder, Brüder, Brüder...
DIE BEKANNTE VORGESCHICHTE
Vermutlich schon 1954 beginnen Derek Brand (28), Carl Robbins und ein weiterer englischer Tüftler auf Puerto Rico für das US-Unternehmen „Gowland“ mit der Entwicklung von elektrischen Modellautos im Eisenbahn-Maßstab 00 (ca. 1:76). „Gowland“ wird später übernommen von „Crafco“. Die Arbeit an den kleinen Autos geht jedoch weiter. Sie läuft zäh, weil die verfügbaren Modelleisenbahn-Motoren für diese Aufgabe ungeeignet sind und andere Kleinstmotoren nicht zu entdecken.
Im Jahr 1956 überreden die Polk-Brüder (New Yorks führende Spielzeug-Händler) ihren Lieferanten Fred Francis (Inhaber der englischen Modellauto-Manufaktur „Minimodels Ltd.“) zur Entwicklung einer elektrischen Modellautorennbahn. Daraus entsteht 1957 „Scalextric” (1:27): der Beginn des weltweiten Slotracing-Boom!
Derek Brand + Co. haben derweil im deutlich kleineren Maßstab Autos mit Vibrationsantrieb zustande gebracht und auch eine passende Bahn. Die englischen Lizenzen ihrer Entwicklung gehen an „Mettoy Playcraft“. Die Produktion beginnt dort 1958. „Mettoy Playcraft“ vermarktet sein „Electric Highways Road System“ als Straßenverkehr-Ergänzung zur Modelleisenbahn. Im englischen Markt, den „Scalextric“ mit elektrischem Motorsport großflächig abräumt, kann man damit nicht bestehen.
Nach einigem Hinundher gehen die US-Lizenzen für die Produktion und den Vertrieb der Vibrator-Autos im Februar 1960 an „Aurora“ (New Jersey). Im Gegensatz zu „Mettoy Playcraft“, setzt „Aurora“ auf das Erfolgsrezept von „Scalextric“: Motorsport.
Die US-Markteinführung von “Model motoring” im Weihnachtsgeschäft 1960 wird ein Mega-Erfolg. „Aurora“ verkauft in knapp drei Monaten zwei Millionen -Bahnen und 12 Millionen Fahrzeuge. Damit zündet die zweite Stufe des weltweiten Slotracing-Boom.
Angeblich noch 1960, überredet Charles C. Merzbach - der US-Repräsentant von „Faller“ und mehrerer deutscher Modelleisenbahn-Hersteller - die Brüder Faller, sich den Erfolg von „Aurora“ zum Vorbild zu nehmen.
MARUSAN
Zwei Brüder gründen 1947 mit einem weiteren Verwandten in Tokio „Marusan“ - eine kleine Manufaktur zur Herstellung von Spielzeug-Ferngläsern und Teleskopen. Später verlegt sich das Unternehmen auf Blechspielzeuge. Ein präzise detaillierter 51er „Cadillac“ (1:8?) wird 1953 im heimischen Markt und in den USA ein Erfolg. Im Jahr 1959 bietet „Marusan“ den ersten japanischen Kunststoffbausatz: das (im Original nuklear angetriebene) US U-Boot „SSN-571 Nautilus“ - berühmt durch seine Tauchfahrt zum Nordpol.
„Marusan“ denkt global. Die Firma vermietet ihre teuren Spritzgussformen an andere Unternehmen oder tauscht sie mit deren Formen. „Revell“, „Lindberg“, „Monogram“ und „Elvin“ gehören zu dieser Verwertungsgemeinschaft. Zeitweise firmiert „Marusan“ als „Revell Japan“.
Und nun wird es interessant:
Einblicke in den weiteren Verlauf verdanken wir einer kleinen Gruppe von Enthusiasten, die sich bei „slotforum.com“ mit der Geschichte des Slotracing beschäftigen. Als ihr „Mastermind“ darf Philippe de Lespinay gelten (auch bekannt als „TSRF“ oder „The Dokk“). Er ist Kurator des privaten „Los Angeles Slotcar Museum“ (LASM) und arbeitet seit Jahren am ultimativen Slotcar-Buch, das einstmals jedes jemals gebaute Fahrzeug (!) enthalten soll. De Lespinay war in seiner Jugend als erfolgreicher Profi-Slotracer und Entwickler des „Cox“ H0-Systems ein Teil jener Geschichte, die er heute erforscht.
Bemerkenswert bei „slotforum.com“ sind auch die Beiträge des texanischen Sammlers Bernard Sampson. Er hat sich auf die frühe Slotcar-Geschichte spezialisiert und präsentiert immer wieder kostbare Erwerbungen. Der nachfolgende Link handelt von einer ganz besonderen Entdeckung. Sampson zeigt hier die allererste „Marusan“-Bahn.
http://www.slotforum.com/forums/index.ph...t&p=818432
Diese Rarität war ursprünglich nur für den japanischen Markt bestimmt und nicht lange im Handel. Markteinführung vermutlich zweite Hälfte des Jahres 1961.
Die Autos sind kurios. Für H0 viel zu groß, haben sie Frontantrieb und die Schleifer unter dem Heck. Das alles bewegte sich nur deshalb auf der Schiene, weil man zwei Leitkiele verbaute: vorne und hinten.
Als Motor diente der „Mabuchi Type 15“. Mit diesem – hier völlig überdimensionierten - Spielzeugantrieb war das japanische Kleinstunternehmen „Mabuchi“ (KMK) schon 1959 in den jungen Slotcar-Markt eingestiegen. Die „Polk Brothers“ in New York hatten darauf gedrängt. Einer der besten Ratschläge in der Wirtschaftsgeschichte! „Slot racing“ machte aus der 10 Mitarbeiter-Bastelbude „Mabuchi“ den weltweit führenden Elektromotor-Produzenten.
Heutiger Ausstoß: Acht Millionen Motoren.
Täglich!
Hauptabnehmer: die Autoindustrie.
Variationen des „Mabuchi Type 15“ trieben später größere Renner von „Strombeker“, „Eldon“ und „AMT“. Bei 12 Volt bot er dort spektakuläre 15000 U/min. Verglichen mit den 1:24-Versionen, ist der von „Marusan“ verbaute „Type 15“ kürzer. Dürfte daran liegen, dass hier pro Auto nur Strom aus zwei 1,5 Volt-Batterien zur Verfügung stand.
Und noch etwas fällt auf: das erste „Marusan“-Chassis hatte ein zweistufiges Getriebe. Kennern der sehr frühen „A.M.S.“-Geschichte wird es vertraut vorkommen...
Man ahnt schon anhand der Beschreibung: das „rückwärts fahrende“ erste „Marusan“-Chassis war nicht gerade der Hit! Unmittelbar darauf folgte daher bei „Marusan“ ein kürzeres Chassis, über das man gar nicht genug wissen kann. Denn dieses Chassis hatte einen Antrieb, der besser zum beabsichtigten Maßstab passte: den ersten Blockmotor in einem Slotcar. Ich kann es noch nicht 1000%ig belegen, verspreche aber, nicht überrascht sein, wenn sich herausstellt, dass dies ein „Mabuchi“ („KMK“) war. Die Polk-Brüder werden 1964 solch einen „Mabuchi“ („KMK“)-Motor (oder dessen Nachfolger) in ihrem „Aristocraft“-Sortiment „R-1“ nennen.
Die Markteinführung des „Marusan“-Chassis #2 dürfte 1962 gewesen sein. Auf Bildern im Netz findet man es unter dem „Marusan“-„Buckel-Volvo“ (PV554) montiert oder unter dem „H0 Sherman Army Tank“ (#998). Es hat weiterhin das Zwei Stufen-Getriebe. Und, wie sein Motor, so ist auch dieses Chassis der Anfang einer bemerkenswerten Entwicklung. Sie beruht auf einer internationalen Zusammenarbeit im Sektor Modelleisenbahnen und verläuft parallel zu Aufzucht, Pflege und Wartung des Flachankers bei „Aurora“ (Markteinführung 1963). Ausgangspunkt ist „Marusan“ in Tokio. Weitere Stationen sind „Atlas“ und „Lionel“ in New Jersey und bald auch „Eldon“. Der US-Spielzeugriese „Marx“ wird die Produkte dieser Kooperation kopieren, erreicht aber nicht die Qualität der Vorbilder. Und in die Geschichte dieses Chassis gehört dann sehr-sehr früh das erste „Faller“-Chassis.
So, wie es im Moment aussieht, stand also nicht „Atlas“ Pate bei den ersten „A.M.S.“-Chassis, sondern „Marusan“.
Es ist bekannt, dass „Atlas“ 1961 einen Vertrag mit „Marusan“ schließt. „Atlas“ wird von „Marusan“ Bahnteile, Chassis, Geschwindigkeitsregler (Armaturenbrett mit Lenkrad) und andere Komponenten für den US-Vertrieb unter dem „Atlas“-Label beziehen. „Atlas“ liefert im Gegenzug (vermutlich) Karosserien. Ein ähnliches Abkommen entsteht zwischen „Marusan“ und „Eldon“. Der zeitliche Rahmen legt nahe, dass sich beide Vereinbarungen auf das „Marusan“-Chassis #2 mit Blockmotor beziehen. In der „Marusan“-Geschichte folgt später noch ein drittes Chassis. Siehe nachfolgende Übersicht.
_________________________________________________________
Die drei Marusan H0-Chassis:
#1 (Markteinführung vermutl. Ende 1961) mit Mabuchi 15 – Motor. Zwei Stufen- Getriebe. Frontantrieb. Schleifer sind unter dem Heck! Zwei Leitkiele. Farbe: schwarz.
#2 (Markteinführung vermutl. 1962) mit Blockmotor (Mabuchi?) und weiterhin zweistufigem Getriebe. Beispiele: „Volvo“ 544, „Sherman Tank“ 998 (m. 1 und 2 Leitkielen). Wird übernommen von „Atlas“ (New Jersey) und ist erkennbar die Vorlage für das erste Chassis der A.M.S. und andere Anbieter. Farbe: grau.
#3 (Markteinführung ???) wie oben mit Zwei Stufen-Getriebe, aber mit der Aufschrift „NEW“ vor der Hinterachse. Beispiele: “Oldsmobile Starfire” 1288, “Station Wagon” 1299, “Prince Gloria Ambulance” (m. 1 und 2 Leitkielen), “Toyopet Police Cruiser”. Farbe: grau.
#2 + #3 können in unterschiedlichen Graustufen auftreten. Das sagt nichts über ihr Entstehungsdatum..
_________________________________________________________
Die Faller-Brüder werden das „Marusan“-Chassis #2 lange vor dessen Markteinführung gesehen haben. Die Frage ist, was dann geschah?
De Lespinay verweist darauf, dass „Marusan“ und „Mabuchi“ damals überall dort den Kunden-Namen im Produkt einfügten, wo es erwünscht war – einschließlich eines „Made in USA“.
Also auch „Faller“ und „Made in Germany“?
FALLER
Philippe de Lespinay behauptet: „Marusan sold to Faller“. Für 1:32 und 1:24 ist das in den späten Sechtigern belegt. Aber bezieht es sich auch auf H0 in den Jahren 1961-63?
Wir wissen, dass der eine oder andere Faller-Bruder in Japan war, um zu sehen, was die Mitbewerber so trieben.
Das hier ist jetzt reine Fiktion, aber man stelle sich mal diese – nicht völlig unplausible - Situation vor:
Zwei Brüder gründen 1947 ein Modellbau-Unternehmen und stehen auf der Spielwarenmesse in Tokio plötzlich vor zwei Brüdern, die 1946 ein Modellbau-Unternehmen gegründet haben - und die ihnen nun eine Kooperation anbieten. Die Rede ist von den Herren Haruyasu + Minoru Ishida („Marusan“, 1947) und von den „Gebrüdern Faller“ (Gründung 1946). Und nun schieben wir einen gewissen Kenichi Mabuchi in die Szene, der 1946 ein Labor eröffnet hat zur Entwicklung hocheffizienter kleiner Elektromotoren. Damit dann richtig Schwung in die Sache kommt, haben wir als Katalysator noch den Auftritt des dritten Brüderpaars: der Polk Brothers aus New York. Die werden später vollmundig behaupten, ohne sie hätte es kein Slot racing gegeben: „Wir haben das erfunden!“. Nicht wahr: man hört den Sake bei solch einem Treffen förmlich rauschen („Gaaambaiii!“) und man hört das – selbstverständlich unzentrische - Rad der Modellautogeschichte sich knirschend weiterdrehen!
Wie auch immer es gewesen sein mag: Tatsache ist, dass der Wehrmachts-Hauptmann a. D. (Nachrichtentruppe) Edwin Faller (48) und der ehemalige Bosch-Ingenieur Hermann Faller (47) im Februar 1962 auf der Nürnberger Spielwarenmesse das Projekt „Faller a. m. s.“ ankündigen. Zu diesem Zeitpunkt muß ihnen also einigermaßen klar gewesen sein, wie die Sache abzulaufen hat.
Tatsache ist auch, dass die Technik der „Faller“-Fahrzeuge bei der Markteinführung im Herbst 1963 eben keine „eigenständige Entwicklung“ ist (wie man gelegentlich lesen kann). - Nein: diese Technik stammt unübersehbar aus Tokio! Alleine der Blockmotor und das - womöglich mit „Marusan“ völlig baugleiche - Zwei Stufen-Getriebe belegen dies. Auch die „Faller“-Schienen ähneln in bemerkenswert vielen Punkten denen von „Marusan“, obwohl man liest, sie seien mit ihnen nicht kompatibel. Aber man schaue sich auf Fotos nur mal die Unterseite der Bahnteile an! Die zeitgleich eingeführten Bahnen von „Lionel“ und „Atlas“ passen an „Marusan“ (wo sie ja herstammen). Und die von „Marx“ auch. Blockmotor und Getriebe ähneln bei „Marx“ dem „Marusan“-Chassis #2. - Kopien? Lizenzfertigungen? In Tokio eingekauft?
Was die frühen „Faller“-Blockmotoren angeht, so zeigen deren Anker erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Ankern der allerersten „Tyco S“-Serie (ebenfalls 1963 eingeführt). Mathis hat sich die Mühe gemacht, mal nachzuzählen: die Anker haben unterschiedlich viele Lamellen. Ihre Farbe scheint jedoch seltsamerweise identisch.
Hm?
Hat eigentlich mal irgendwer einen stilisierten Tannenbaum auf der U-Klammer eines „Faller“-Blomo entdeckt? Das war in den Fünzigern das Signet von „Faller“ und kurioserweise auch von „Bühler“ (ein Nürnberger E-Motorenbauer mit Wurzeln im Schwarzwald). Man liest gelegentlich, dass die frühen „Faller“-Blomos vom „Bühler“ stammten. Falls das so war, hatte man sich in Nürnberg von „Mabuchi“ „inspirieren“ lassen oder aus Tokio Lizenzen und/oder Anker bezogen.
Über die Anfangsjahre der „A.M.S.“ liest man gelegentlich auch, „Faller“ habe mit USamerikanischen Lizenzen produziert. „Atlas“ kann damit nicht gemeint sein. Die hatten in diesem Bereich keine Patente. Andere Autoren behaupten wiederum, Brands Vibratoren seien in der BRD nicht patentiert gewesen. Beides scheint wenig von Bedeutung, denn „Faller“ ging ja einen völlig anderen Weg.
Als Thema für Lizenzzahlungen in die USA hätte sich – falls überhaupt - nur die identische Stromübertragung auf die Fahrzeuge angeboten. Welche Vereinbarungen zwischen „Marusan“ und „Faller“ bestanden, das wäre noch zu klären.
- HansHH
Marusan - Faller und Brüder, Brüder, Brüder...
DIE BEKANNTE VORGESCHICHTE
Vermutlich schon 1954 beginnen Derek Brand (28), Carl Robbins und ein weiterer englischer Tüftler auf Puerto Rico für das US-Unternehmen „Gowland“ mit der Entwicklung von elektrischen Modellautos im Eisenbahn-Maßstab 00 (ca. 1:76). „Gowland“ wird später übernommen von „Crafco“. Die Arbeit an den kleinen Autos geht jedoch weiter. Sie läuft zäh, weil die verfügbaren Modelleisenbahn-Motoren für diese Aufgabe ungeeignet sind und andere Kleinstmotoren nicht zu entdecken.
Im Jahr 1956 überreden die Polk-Brüder (New Yorks führende Spielzeug-Händler) ihren Lieferanten Fred Francis (Inhaber der englischen Modellauto-Manufaktur „Minimodels Ltd.“) zur Entwicklung einer elektrischen Modellautorennbahn. Daraus entsteht 1957 „Scalextric” (1:27): der Beginn des weltweiten Slotracing-Boom!
Derek Brand + Co. haben derweil im deutlich kleineren Maßstab Autos mit Vibrationsantrieb zustande gebracht und auch eine passende Bahn. Die englischen Lizenzen ihrer Entwicklung gehen an „Mettoy Playcraft“. Die Produktion beginnt dort 1958. „Mettoy Playcraft“ vermarktet sein „Electric Highways Road System“ als Straßenverkehr-Ergänzung zur Modelleisenbahn. Im englischen Markt, den „Scalextric“ mit elektrischem Motorsport großflächig abräumt, kann man damit nicht bestehen.
Nach einigem Hinundher gehen die US-Lizenzen für die Produktion und den Vertrieb der Vibrator-Autos im Februar 1960 an „Aurora“ (New Jersey). Im Gegensatz zu „Mettoy Playcraft“, setzt „Aurora“ auf das Erfolgsrezept von „Scalextric“: Motorsport.
Die US-Markteinführung von “Model motoring” im Weihnachtsgeschäft 1960 wird ein Mega-Erfolg. „Aurora“ verkauft in knapp drei Monaten zwei Millionen -Bahnen und 12 Millionen Fahrzeuge. Damit zündet die zweite Stufe des weltweiten Slotracing-Boom.
Angeblich noch 1960, überredet Charles C. Merzbach - der US-Repräsentant von „Faller“ und mehrerer deutscher Modelleisenbahn-Hersteller - die Brüder Faller, sich den Erfolg von „Aurora“ zum Vorbild zu nehmen.
MARUSAN
Zwei Brüder gründen 1947 mit einem weiteren Verwandten in Tokio „Marusan“ - eine kleine Manufaktur zur Herstellung von Spielzeug-Ferngläsern und Teleskopen. Später verlegt sich das Unternehmen auf Blechspielzeuge. Ein präzise detaillierter 51er „Cadillac“ (1:8?) wird 1953 im heimischen Markt und in den USA ein Erfolg. Im Jahr 1959 bietet „Marusan“ den ersten japanischen Kunststoffbausatz: das (im Original nuklear angetriebene) US U-Boot „SSN-571 Nautilus“ - berühmt durch seine Tauchfahrt zum Nordpol.
„Marusan“ denkt global. Die Firma vermietet ihre teuren Spritzgussformen an andere Unternehmen oder tauscht sie mit deren Formen. „Revell“, „Lindberg“, „Monogram“ und „Elvin“ gehören zu dieser Verwertungsgemeinschaft. Zeitweise firmiert „Marusan“ als „Revell Japan“.
Und nun wird es interessant:
Einblicke in den weiteren Verlauf verdanken wir einer kleinen Gruppe von Enthusiasten, die sich bei „slotforum.com“ mit der Geschichte des Slotracing beschäftigen. Als ihr „Mastermind“ darf Philippe de Lespinay gelten (auch bekannt als „TSRF“ oder „The Dokk“). Er ist Kurator des privaten „Los Angeles Slotcar Museum“ (LASM) und arbeitet seit Jahren am ultimativen Slotcar-Buch, das einstmals jedes jemals gebaute Fahrzeug (!) enthalten soll. De Lespinay war in seiner Jugend als erfolgreicher Profi-Slotracer und Entwickler des „Cox“ H0-Systems ein Teil jener Geschichte, die er heute erforscht.
Bemerkenswert bei „slotforum.com“ sind auch die Beiträge des texanischen Sammlers Bernard Sampson. Er hat sich auf die frühe Slotcar-Geschichte spezialisiert und präsentiert immer wieder kostbare Erwerbungen. Der nachfolgende Link handelt von einer ganz besonderen Entdeckung. Sampson zeigt hier die allererste „Marusan“-Bahn.
http://www.slotforum.com/forums/index.ph...t&p=818432
Diese Rarität war ursprünglich nur für den japanischen Markt bestimmt und nicht lange im Handel. Markteinführung vermutlich zweite Hälfte des Jahres 1961.
Die Autos sind kurios. Für H0 viel zu groß, haben sie Frontantrieb und die Schleifer unter dem Heck. Das alles bewegte sich nur deshalb auf der Schiene, weil man zwei Leitkiele verbaute: vorne und hinten.
Als Motor diente der „Mabuchi Type 15“. Mit diesem – hier völlig überdimensionierten - Spielzeugantrieb war das japanische Kleinstunternehmen „Mabuchi“ (KMK) schon 1959 in den jungen Slotcar-Markt eingestiegen. Die „Polk Brothers“ in New York hatten darauf gedrängt. Einer der besten Ratschläge in der Wirtschaftsgeschichte! „Slot racing“ machte aus der 10 Mitarbeiter-Bastelbude „Mabuchi“ den weltweit führenden Elektromotor-Produzenten.
Heutiger Ausstoß: Acht Millionen Motoren.
Täglich!
Hauptabnehmer: die Autoindustrie.
Variationen des „Mabuchi Type 15“ trieben später größere Renner von „Strombeker“, „Eldon“ und „AMT“. Bei 12 Volt bot er dort spektakuläre 15000 U/min. Verglichen mit den 1:24-Versionen, ist der von „Marusan“ verbaute „Type 15“ kürzer. Dürfte daran liegen, dass hier pro Auto nur Strom aus zwei 1,5 Volt-Batterien zur Verfügung stand.
Und noch etwas fällt auf: das erste „Marusan“-Chassis hatte ein zweistufiges Getriebe. Kennern der sehr frühen „A.M.S.“-Geschichte wird es vertraut vorkommen...
Man ahnt schon anhand der Beschreibung: das „rückwärts fahrende“ erste „Marusan“-Chassis war nicht gerade der Hit! Unmittelbar darauf folgte daher bei „Marusan“ ein kürzeres Chassis, über das man gar nicht genug wissen kann. Denn dieses Chassis hatte einen Antrieb, der besser zum beabsichtigten Maßstab passte: den ersten Blockmotor in einem Slotcar. Ich kann es noch nicht 1000%ig belegen, verspreche aber, nicht überrascht sein, wenn sich herausstellt, dass dies ein „Mabuchi“ („KMK“) war. Die Polk-Brüder werden 1964 solch einen „Mabuchi“ („KMK“)-Motor (oder dessen Nachfolger) in ihrem „Aristocraft“-Sortiment „R-1“ nennen.
Die Markteinführung des „Marusan“-Chassis #2 dürfte 1962 gewesen sein. Auf Bildern im Netz findet man es unter dem „Marusan“-„Buckel-Volvo“ (PV554) montiert oder unter dem „H0 Sherman Army Tank“ (#998). Es hat weiterhin das Zwei Stufen-Getriebe. Und, wie sein Motor, so ist auch dieses Chassis der Anfang einer bemerkenswerten Entwicklung. Sie beruht auf einer internationalen Zusammenarbeit im Sektor Modelleisenbahnen und verläuft parallel zu Aufzucht, Pflege und Wartung des Flachankers bei „Aurora“ (Markteinführung 1963). Ausgangspunkt ist „Marusan“ in Tokio. Weitere Stationen sind „Atlas“ und „Lionel“ in New Jersey und bald auch „Eldon“. Der US-Spielzeugriese „Marx“ wird die Produkte dieser Kooperation kopieren, erreicht aber nicht die Qualität der Vorbilder. Und in die Geschichte dieses Chassis gehört dann sehr-sehr früh das erste „Faller“-Chassis.
So, wie es im Moment aussieht, stand also nicht „Atlas“ Pate bei den ersten „A.M.S.“-Chassis, sondern „Marusan“.
Es ist bekannt, dass „Atlas“ 1961 einen Vertrag mit „Marusan“ schließt. „Atlas“ wird von „Marusan“ Bahnteile, Chassis, Geschwindigkeitsregler (Armaturenbrett mit Lenkrad) und andere Komponenten für den US-Vertrieb unter dem „Atlas“-Label beziehen. „Atlas“ liefert im Gegenzug (vermutlich) Karosserien. Ein ähnliches Abkommen entsteht zwischen „Marusan“ und „Eldon“. Der zeitliche Rahmen legt nahe, dass sich beide Vereinbarungen auf das „Marusan“-Chassis #2 mit Blockmotor beziehen. In der „Marusan“-Geschichte folgt später noch ein drittes Chassis. Siehe nachfolgende Übersicht.
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Die drei Marusan H0-Chassis:
#1 (Markteinführung vermutl. Ende 1961) mit Mabuchi 15 – Motor. Zwei Stufen- Getriebe. Frontantrieb. Schleifer sind unter dem Heck! Zwei Leitkiele. Farbe: schwarz.
#2 (Markteinführung vermutl. 1962) mit Blockmotor (Mabuchi?) und weiterhin zweistufigem Getriebe. Beispiele: „Volvo“ 544, „Sherman Tank“ 998 (m. 1 und 2 Leitkielen). Wird übernommen von „Atlas“ (New Jersey) und ist erkennbar die Vorlage für das erste Chassis der A.M.S. und andere Anbieter. Farbe: grau.
#3 (Markteinführung ???) wie oben mit Zwei Stufen-Getriebe, aber mit der Aufschrift „NEW“ vor der Hinterachse. Beispiele: “Oldsmobile Starfire” 1288, “Station Wagon” 1299, “Prince Gloria Ambulance” (m. 1 und 2 Leitkielen), “Toyopet Police Cruiser”. Farbe: grau.
#2 + #3 können in unterschiedlichen Graustufen auftreten. Das sagt nichts über ihr Entstehungsdatum..
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Die Faller-Brüder werden das „Marusan“-Chassis #2 lange vor dessen Markteinführung gesehen haben. Die Frage ist, was dann geschah?
De Lespinay verweist darauf, dass „Marusan“ und „Mabuchi“ damals überall dort den Kunden-Namen im Produkt einfügten, wo es erwünscht war – einschließlich eines „Made in USA“.
Also auch „Faller“ und „Made in Germany“?
FALLER
Philippe de Lespinay behauptet: „Marusan sold to Faller“. Für 1:32 und 1:24 ist das in den späten Sechtigern belegt. Aber bezieht es sich auch auf H0 in den Jahren 1961-63?
Wir wissen, dass der eine oder andere Faller-Bruder in Japan war, um zu sehen, was die Mitbewerber so trieben.
Das hier ist jetzt reine Fiktion, aber man stelle sich mal diese – nicht völlig unplausible - Situation vor:
Zwei Brüder gründen 1947 ein Modellbau-Unternehmen und stehen auf der Spielwarenmesse in Tokio plötzlich vor zwei Brüdern, die 1946 ein Modellbau-Unternehmen gegründet haben - und die ihnen nun eine Kooperation anbieten. Die Rede ist von den Herren Haruyasu + Minoru Ishida („Marusan“, 1947) und von den „Gebrüdern Faller“ (Gründung 1946). Und nun schieben wir einen gewissen Kenichi Mabuchi in die Szene, der 1946 ein Labor eröffnet hat zur Entwicklung hocheffizienter kleiner Elektromotoren. Damit dann richtig Schwung in die Sache kommt, haben wir als Katalysator noch den Auftritt des dritten Brüderpaars: der Polk Brothers aus New York. Die werden später vollmundig behaupten, ohne sie hätte es kein Slot racing gegeben: „Wir haben das erfunden!“. Nicht wahr: man hört den Sake bei solch einem Treffen förmlich rauschen („Gaaambaiii!“) und man hört das – selbstverständlich unzentrische - Rad der Modellautogeschichte sich knirschend weiterdrehen!
Wie auch immer es gewesen sein mag: Tatsache ist, dass der Wehrmachts-Hauptmann a. D. (Nachrichtentruppe) Edwin Faller (48) und der ehemalige Bosch-Ingenieur Hermann Faller (47) im Februar 1962 auf der Nürnberger Spielwarenmesse das Projekt „Faller a. m. s.“ ankündigen. Zu diesem Zeitpunkt muß ihnen also einigermaßen klar gewesen sein, wie die Sache abzulaufen hat.
Tatsache ist auch, dass die Technik der „Faller“-Fahrzeuge bei der Markteinführung im Herbst 1963 eben keine „eigenständige Entwicklung“ ist (wie man gelegentlich lesen kann). - Nein: diese Technik stammt unübersehbar aus Tokio! Alleine der Blockmotor und das - womöglich mit „Marusan“ völlig baugleiche - Zwei Stufen-Getriebe belegen dies. Auch die „Faller“-Schienen ähneln in bemerkenswert vielen Punkten denen von „Marusan“, obwohl man liest, sie seien mit ihnen nicht kompatibel. Aber man schaue sich auf Fotos nur mal die Unterseite der Bahnteile an! Die zeitgleich eingeführten Bahnen von „Lionel“ und „Atlas“ passen an „Marusan“ (wo sie ja herstammen). Und die von „Marx“ auch. Blockmotor und Getriebe ähneln bei „Marx“ dem „Marusan“-Chassis #2. - Kopien? Lizenzfertigungen? In Tokio eingekauft?
Was die frühen „Faller“-Blockmotoren angeht, so zeigen deren Anker erstaunliche Ähnlichkeiten mit den Ankern der allerersten „Tyco S“-Serie (ebenfalls 1963 eingeführt). Mathis hat sich die Mühe gemacht, mal nachzuzählen: die Anker haben unterschiedlich viele Lamellen. Ihre Farbe scheint jedoch seltsamerweise identisch.
Hm?
Hat eigentlich mal irgendwer einen stilisierten Tannenbaum auf der U-Klammer eines „Faller“-Blomo entdeckt? Das war in den Fünzigern das Signet von „Faller“ und kurioserweise auch von „Bühler“ (ein Nürnberger E-Motorenbauer mit Wurzeln im Schwarzwald). Man liest gelegentlich, dass die frühen „Faller“-Blomos vom „Bühler“ stammten. Falls das so war, hatte man sich in Nürnberg von „Mabuchi“ „inspirieren“ lassen oder aus Tokio Lizenzen und/oder Anker bezogen.
Über die Anfangsjahre der „A.M.S.“ liest man gelegentlich auch, „Faller“ habe mit USamerikanischen Lizenzen produziert. „Atlas“ kann damit nicht gemeint sein. Die hatten in diesem Bereich keine Patente. Andere Autoren behaupten wiederum, Brands Vibratoren seien in der BRD nicht patentiert gewesen. Beides scheint wenig von Bedeutung, denn „Faller“ ging ja einen völlig anderen Weg.
Als Thema für Lizenzzahlungen in die USA hätte sich – falls überhaupt - nur die identische Stromübertragung auf die Fahrzeuge angeboten. Welche Vereinbarungen zwischen „Marusan“ und „Faller“ bestanden, das wäre noch zu klären.
- HansHH

